
Seit seiner Entdeckung im Jahr 1919 durch Ernest Rutherford (1871-1937) erscheint uns das Proton vertraut. Zusammen mit dem Neutron bildet es den Kern der Atome und damit 99,9% der sichtbaren Materie. Dennoch stellt dieses Teilchen die Physiker mehr als ein Jahrhundert später noch vor Rätsel. Seine genaue Größe, der Ursprung seiner Masse, die Stabilität seiner inneren Zusammensetzung: so viele ungelöste Geheimnisse. Seitdem haben Generationen von Physikern dieses Teilchen mit immer leistungsfähigeren Instrumenten untersucht. Dennoch bewahrt das Proton eifersüchtig einige seiner grundlegenden Geheimnisse.
Die Antwort liegt in zwei Worten: Quantenchromodynamik (QCD).
Wenn die Quantenphysik so kontraintuitiv ist, dann deshalb, weil unser Gehirn, das durch Millionen Jahre Evolution in einer Welt aus Steinen und Bäumen geprägt wurde, nicht dafür ausgerüstet ist, die Quantenwelt zu visualisieren. Instinktiv suchen wir nach einem Bild: eine kleine harte Kugel, ein kompakter Kern, umgeben von Elektron(en) auf Umlaufbahnen, wie ein Miniatursonnensystem. Dieses Bild, das durch Schulbücher populär gemacht wurde, ist grundlegend falsch.
Im Herzen der Materie existiert die Realität nicht. Ein Teilchen der Quantenwelt (Elektron, Quark usw.) ist eine durch Wahrscheinlichkeiten bestimmte Entität. Ein Atom zu visualisieren bedeutet also, eine Wahrscheinlichkeitskarte zu "sehen", eine verschwommene Wolke, bei der die Dichte der Wolke die Chance darstellt, das Teilchen zu finden. Beim Proton muss man sich eine vibrierende Energiekuge vorstellen, in der virtuelle Teilchenpaare ständig aufspringen und sich vernichten, ein durch die Gesetze der Quantenchromodynamik geordnetes Chaos.
Das Proton hat eine Masse von etwa \(938,3\) MeV/c². Wenn man jedoch die Massen der drei konstituierenden Quarks addiert, erhält man nur wenige MeV, also weniger als 1% der Gesamtmasse. Woher kommt der Rest? Die Antwort lautet: Energie.
Nach der berühmten Äquivalenz von Albert Einstein (1879-1955), \(E = mc^2\), ist Masse nur eine kondensierte Form von Energie. Im Inneren des Protons sind die Quarks in ständiger Bewegung und die Gluonen-Felder, die sie verbinden, interagieren ständig miteinander und erzeugen ständig virtuelle Quark-Antiquark-Paare. Dieses Quantengebräu, diese in einem winzigen Volumen eingeschlossene Energie, macht den Großteil der Masse des Protons aus. Es ist also keine intrinsische Eigenschaft der Quarks, aus denen es besteht, sondern reine Energie, die durch die starke Kernkraft gefangen ist. Aber das wahre Geheimnis liegt nicht dort.
Das Geheimnis ist, dass Gluonen masselose Teilchen sind. Wie schafft es die starke Wechselwirkung, eine so kolossale Energie in einem so winzigen Volumen einzuschließen? Und warum bleiben direkte Berechnungen aus der QCD so schwierig, dass selbst Supercomputer Mühe haben, den genauen Wert dieser Masse zu reproduzieren?
Die Masse des Protons ist die sichtbare Manifestation einer versteckten Physik, der des Quantenvakuums und der stärksten Kraft im Universum. Sein Ursprung zu verstehen, bedeutet zu verstehen, wie das Unsichtbare zu Materie wird.
Der Spin ist eine quantenmechanische Eigenschaft von Teilchen, die oft (fälschlicherweise) mit einer Rotation um sich selbst verglichen wird. In den 1980er Jahren zeigten Experimente zur tiefinelastischen Streuung eine Anomalie. Die Summe der Spins der Valenzquarks machte nur einen kleinen Bruchteil des Gesamtspins des Protons aus.
Wo ist der Spin geblieben? Die Antwort liegt wahrscheinlich in zwei Beiträgen: dem Spin der Gluonen, die über ihren eigenen Drehimpuls beitragen können, und der Orbitalbewegung der Quarks und Gluonen innerhalb des Protons.
Experimente wie die am RHIC versuchen, diese Beiträge zu entwirren, aber das Puzzle bleibt ungelöst.
Quarks wurden nie in freiem Zustand beobachtet. Sie sind immer in Hadronen eingeschlossen, die durch Gluonen miteinander verbunden sind. Dieses Phänomen, genannt Confinement, ist eines der verwirrendsten Merkmale der QCD.
Sein Mechanismus ist kontraintuitiv: Je mehr man versucht, zwei Quarks voneinander zu trennen, desto stärker wird die Kraft, die sie verbindet, im Gegensatz zu dem, was man in der Elektrodynamik beobachtet. Die im Gluonenfeldröhre gespeicherte Energie wächst linear mit der Entfernung. Wenn diese Energie die Schwelle zur Erzeugung eines Quark-Antiquark-Paares überschreitet, reißt die Verbindung und neue Hadronen entstehen. Ein freies Quark erscheint nie: Die Natur scheint jede isolierte Farbladung zu verbieten.
Simulationen der Gitter-QCD, deren Grundlagen von Kenneth Wilson (1936-2013) gelegt wurden, ermöglichen es, das Confinement numerisch mit guter Genauigkeit zu reproduzieren. Aber eine Simulation ist kein Beweis. Warum die Natur Quarks einschließt, bleibt eine der tiefgründigsten Fragen der gesamten theoretischen Physik.
| Geheimnis | Beobachtung | Was die Theorie vorhersagt | Was ungelöst bleibt |
|---|---|---|---|
| Ursprung der Masse | Das Proton wiegt \(938,3\) MeV/c², etwa 100-mal die kumulierte Masse seiner Quarks | Die QCD schreibt die Masse der kinetischen Energie der Quarks und den Gluonenfeldern zu (\(E = mc^2\)) | Keine strenge analytische Berechnung aus ersten Prinzipien; nur Gitter-QCD-Simulationen nähern sich dem Ergebnis |
| Ursprung des Spins | Das Proton hat einen Spin von \(\frac{1}{2}\) (in Einheiten von \(\hbar\)) | Die drei Valenzquarks sollten die Hauptquelle sein | Quarks tragen nur ~30% zum Gesamtspin bei; Gluonen und Bahndrehimpulse füllen den Rest auf noch unpräzise Weise |
| Confinement der Quarks | Es wurde noch nie ein freies Quark in der Natur beobachtet | Die QCD sagt voraus, dass die Kraft zwischen Quarks mit der Entfernung zunimmt, was ihre Trennung unmöglich macht | Kein formaler mathematischer Beweis für das Confinement |
N.B.: Diese drei Geheimnisse sind eng miteinander verknüpft: Das Confinement bestimmt die innere Struktur des Protons, die sowohl die Massenverteilung als auch die Spinverteilung bestimmt. Der zukünftige EIC (Electron-Ion Collider), dessen Inbetriebnahme für etwa 2030-2035 geplant ist, wurde speziell entwickelt, um quantitative Antworten auf diese offenen Fragen zu liefern.