Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, die durch den Film "Alien" populär gemacht wurde: "Im Weltraum kann dich niemand schreien hören", ist das Universum alles andere als still. Obwohl das interstellare Vakuum die Ausbreitung mechanischer Schallwellen, wie wir sie kennen, verhindert, ist das Universum voller einer anderen Art von "Geräuschen": einer reichen und lebendigen elektromagnetischen Landschaft.
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts fangen Wissenschaftler diese Signale mit Radioteleskopen und Weltraumsonden ein. Es sind keine direkten Klänge, sondern Daten, die durch einen Prozess namens Sonifikation in die verborgene Sinfonie unseres Sonnensystems und darüber hinaus verwandelt werden. Diese Praxis verwandelt Variationen in Radiowellen, Plasma oder Magnetfeldern in für das menschliche Ohr hörbare Signale.
Sonifikation ist eine Datenanalysetechnik, die Klangparameter (Tonhöhe, Lautstärke, Klangfarbe) numerischen Variablen zuordnet. In der Astrophysik ermöglicht sie das "Hören" von ansonsten unmerklichen Phänomenen. Zum Beispiel kann die Frequenz einer Radiowelle in den hörbaren Bereich (normalerweise zwischen 20 Hz und 20 kHz) transponiert werden, während ihre Intensität die Lautstärke moduliert.
Diese Methode ist nicht nur eine künstlerische Kuriosität; sie ist ein mächtiges Analysetool, das Muster oder Anomalien in riesigen Datensätzen aufdecken kann, die das menschliche Auge leicht übersehen könnte. Das menschliche Ohr ist sehr empfindlich für Rhythmen, Wiederholungen und subtile Amplitudenänderungen. Sonifikation ist keine Quelle physikalischer Wahrheit, aber ein hervorragender Strukturaufdecker.
N.B.:
Die ursprünglichen Klänge des Weltraums sind elektromagnetische Signale oder Vibrationen in Plasmen, oft bei Frequenzen weit unterhalb oder oberhalb unseres Hörbereichs. Die Sonifikation transponiert diese in unseren hörbaren Bereich, ähnlich wie ein Klavier eine für Kontrabass geschriebene Partitur transponiert. Es handelt sich nicht um eine direkte Aufnahme, sondern um eine treue Übersetzung der Dynamik des Phänomens.
Die folgende Tabelle zeigt eine repräsentative Auswahl der "Klänge" des Weltraums, die aus der Sonifikation wissenschaftlicher Daten stammen. Sie veranschaulicht die Vielfalt der Quellen und akustischen Signaturen in unserem Sonnensystem und darüber hinaus.
| Himmelskörper / Phänomen | Quelle des "Klangs" | Klangcharakteristika nach Sonifikation | Hauptsonde / Mission |
|---|---|---|---|
| Sonne (Oszillationen & Eruptionen) | Interne Druckwellen, Radio- und UV-Emissionen von Sonnenflares und Sonnenwind. | Tiefes Grundbrummen, Grollen, intensives Knistern und "Klicks" von Eruptionen. | SOHO, SDO (NASA/ESA), Parker Solar Probe |
| Merkur (Magnetosphäre) | Wechselwirkungen des Sonnenwinds mit dem Restmagnetfeld und der Oberfläche. | "Knacken" und kurze Pfiffe, die eine kleine und turbulente Magnetosphäre widerspiegeln. | MESSENGER (NASA) |
| Venus (atmosphärische Wechselwirkung) | Abbremsen des Sonnenwinds durch die dichte Ionosphäre (kein globales Magnetfeld). | Kontinuierliches "Atem"-Geräusch und niederfrequente Pulsationen, die an starken Wind gegen ein Hindernis erinnern. | Venus Express (ESA), Akatsuki (JAXA) |
| Erde (Magnetosphäre) | Plasmawellen in den Van-Allen-Gürteln (Chorus, Whistler). | Elektronisches Gezwitscher (Chorus), klare absteigende Pfiffe (Whistler). | Cluster (ESA), Van Allen Probes (NASA) |
| Mars (atmosphärische Dynamik) | Winde, Staubteufel und Sonnen-Atmosphären-Wechselwirkungen, die vor Ort erfasst werden. | Rauhe Winde, plötzliche Böen, Knistern von Staubkörnern auf dem Rover. | InSight, Perseverance (NASA) |
| Jupiter (Auroras & Magnetosphäre) | Dekameter-Radioemissionen von Auroras und Wechselwirkungen mit dem Mond Io. | Durchdringende Pfiffe, schnelle Klicks, intensive und regelmäßige elektrische Brummgeräusche. | Voyager, Galileo, Juno (NASA) |
| Saturn (Ringe & Magnetosphäre) | Saturn-Kilometer-Strahlung (SKR), Plasma-Ring-Wechselwirkungen. | Melodische Modulationen, Knistern, "Gesang" der Ringe, gepulste Signale. | Voyager, Cassini-Huygens (NASA/ESA/ASI) |
| Enceladus (Plumes) | Partikel- und Magnetfeld-Daten vom Cassini-Vorbeiflug an den Eisplumes. | Dichtes Knistern und Brummen, das an das Geräusch von Partikeln erinnert, die auf einen Detektor treffen. | Cassini (NASA/ESA/ASI) |
| Pulsar (Rotation) | Extrem regelmäßige Radiopulse, die vom rotierenden Neutronenstern emittiert werden. | Perfekter metronomischer "Schlag", ein schnelles und periodisches kosmisches "Tick-Tack". | Radioteleskope (z.B. Arecibo, FAST) |
| Schwarzes Loch (Verschmelzungen & Umgebung) | 1) Gravitationswellen von Verschmelzungen. 2) Röntgenemissionen von Akkretionsscheibengas. | 1) Aufsteigendes "Glissando" gefolgt von einem "Schock". 2) "Donnergrollen" und hochenergetische "Klicks". | LIGO/Virgo (Gravitationswellen), Chandra, XMM-Newton (Röntgenstrahlen) |
Quellen: ESA - Sonifikation, NASA - Sonifikation
Dieser auditive Ansatz in der Astrophysik hat Implikationen, die über die reine Forschung hinausgehen. Für sehbehinderte Menschen bietet er eine einzigartige Möglichkeit, kosmische Konzepte und Daten zu begreifen. Er ist auch ein mächtiges pädagogisches Werkzeug, das abstrakte Phänomene wie Magnetfelder oder Plasmawechselwirkungen greifbar macht. Komponisten und Klangkünstler arbeiten nun mit Raumfahrtagenturen wie NASA und ESA zusammen, um aus diesen Daten Werke zu schaffen und so eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst zu bauen.